Zum Autor
Vom Versuch,
die Wurzeln auszureißen

Romandebüt. Für die lebendige Verstrickung seiner Protagonistenin die "große" Geschichte erhält
Arno Orzessek den ersten
Uwe-Johnson-Förderpreis.




Von Susanne Schulz


Neubrandenburg. Wird die Erinnerung "wahrer", wenn einer sie in Erzählform gießt? Wird sie erst recht verfälscht?Wie es gelingt, sie als Zeugen aufzurufen und zugleich in Frage zu stellen, gilt den Juroren als einer ihrer Maßstäbe für den Uwe-Johnson-Förderpreis, der in diesem Jahr erstmals und künftig alle zwei Jahre imWechsel mit dem Uwe-Johnson-Preis in Neubrandenburg vergeben wird.

Der etablierten Auszeichnung - mit bisherigen Preisträgern wie Kurt Drawert, Walter Kempowski, Marcel Beyer, Gert Neumann, Jürgen Becker und zuletzt Norbert Gstrein - ein Pendant für Nachwuchsautoren hinzuzufügen, lag gerade jetzt nahe für die Initiatoren: Seit 15 Jahren pflegt die Mecklenburgische Literaturgesellschaft (MLG) in der Viertorestadt einen öffentlichkeitswirksamen Umgang mit dem Werk von Uwe Johnson (1934-1984). Und 50 Jahre ist es her, dass der Autor seinen Erstling "Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953" bei Verlagen unterzubringen versuchte. Veröffentlicht wurde der Roman erst nach seinem Tod 1984. Dieses Debüt hätte die deutsche Literaturlandschaft verändern können, stellten Kritiker fest; ungeachtet aller Einwände wegen sprachlicher Manierismen und einer "Überforderung" des Lesers oder des "Mangels an Welt", den der damals bei Suhrkamp in die Verleger-Verantwortung hinein wachsende Siegfried Unseld monierte - zu Unrecht übrigens, ergänzt der MLG-Vorsitzende Carsten Gansel, der auch die Jury für den Uwe-Johnson-Förderpreis leitete.

Heute lasse sich ein solcher Mangel vielen Romanen und Erzählungen nachsagen - und dem erwählten Preisträger eben gerade nicht, resümiert MLG-Geschäftsführerin Gundula Engelhard die Eindrücke der Jury, die unter den Prosa-Debütanten der vergangenen zwei Jahre Arno Orzessek als jenen erkannte, der "den größten Horizont" eröffne. Deutlichhebe sich der 38-Jährige ab von vielen Vertretern der Popliteratur-Generation, die sprachkünstlerisch und -artistisch hoch interessant seien, aber keine Geschichten zu erzählen hätten.

"Arno Orzessek geht - wie Johnson - mit Vergangenheit in einer Weise erzählerisch um, die einWiedererkennen ermöglicht, auch und gerade weil er keine platte ,Wirklichkeitsschaufelei' betreibt", heißt es in der Begründung der Jury. "Virtuos verknüpft er verschiedene Erzählebenen und macht spannungsvoll anschaulich, wie die so genannte große Geschichte ins Leben des Einzelnen eingreift."

Im Roman "Schattauers Tochter" erweckt Orzessek vom Masuren der 30er bis ins Deutschland der 80er und 90er, vom Dritten Reich bis in die Gegenwart rund 60 Jahre Geschichte zum Leben. Titelfigur Marie entstammt einer pietistischen Bauernfamilie in einem masurischen Dorf. Mit Hermann, der sie vor einer Vergewaltigung gerettet hat, verschlägt es sie in den Westen. In der zweiten Zeitebene geistert sie als "schwarzes Gespenst" durchs Haus ihres unehelichen Sohnes, des Lehrers Gustav Eckstein, der schöne junge Mädchen liebt und den wegen seines Charismas auch seine Schüler lieben. Einer der Zöglinge seines exklusiven Rhetorik-Kurses (zudem ein erotischer Rivale) ist Eduard Manthey, dessen Ehrgeiz darauf hinausläuft, seine proletarischen und provinziellen Wurzeln auszureißen - ein Motiv, das die Juroren als prägend empfanden. Dass und wie hier auch Heimat und Heimatverlust thematisiert werden, sei für ein Debüt äußerst ungewöhnlich, betont Gansel, Professor für Neueste deutsche Literatur an der Universität Gießen.

"Mut zum Erzählen" war dem Autor schon in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bescheinigt worden. Bei NDR Kultur verglich Joachim Dicks das Konzept der Handlungsstränge mit zwei Zügen, die mit verschiedenen Geschwindigkeiten auf einander zu fahren, bis sie "in der Gegenwart kollidieren".

Aus Osnabrück stammend, wo die Gegenwartshandlung angesiedelt ist, muss Orzessek immer wiedermal betonen, er habe nicht "die Wahrheit" über den authentischen Ort schreiben wollen: "Ich brauchte eine glaubwürdige Umgebung für die Personenkonstellationen und habe meine eigene Stadt gewählt - kein besonders origineller Trick." Aus Masuren, dem Schauplatz der Vergangenheitsebene, stammen seine Eltern. Er selbst war dort nur einmal als Achtjähriger und verdankt die Stimmigkeit der Roman-Passagen den familiären Erzählungen ebenso wie der Unterstützung aus dem Deutschen Historischen Institut Warschau.

Insgesamt sieben Jahre hat der Autor, der nach dem Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte jetzt als Journalist vor allem für die "Süddeutsche Zeitung" und DeutschlandRadio arbeitet, an dem Konvolut aus Familiensaga, Bildungsroman und Liebesgeschichte gearbeitet. Einen entscheidenden Schub versetzte dabei eine Amerika-Reise, nach der er "keine Lust auf Journalismus" hatte und beschloss, er brauche jetzt "ein Projekt, das so groß ist wie Amerika und am besten noch größer: Schreib das Buchzu Ende!"

Jetzt, da es vorliegt, findet er "an vielem Makel, aber auch an allem etwas, an dem ich mich freuen kann", und arbeitet amzweiten Roman, der in Berlin-Mitte beginnt: Da habe er die Möglichkeit, nicht
nach der Erinnerung zu arbeiten, sondern nach dem Augenschein.

 

 

 

Leseprobe

Die verschwundene
Sieben der Domuhr
Leseprobe aus Emma Braslavskys Roman "Aus dem Sinn", erschienen im Claassen Verlag, Hildesheim 2007, 368 Seiten,
19,95 Euro, ISBN 3-546-00419-1

"Ende der Fahnenstange?", heißt es in der Stadtzeitung, auf Seite zwei unten, weil die vierhundertzweiundsiebzig Jahre alte Domglocke wieder aus heiterem Himmel zum Stillstand gekommen ist und seit Monaten nicht mehr läutet, weil die amtlich gewartete, schon siebenhundertneun-
undneunzig Jahre alte Domuhr seit gestern zerstört, da explodiert ist, und die ebenso alten, echt römischen hauchdünnen Goldziffern verbogen und angesengt auf dem Bordstein liegen. Dass die Sieben nicht auffindbar ist, wird nur erwähnt und im Weiteren offengelassen. Schon den ganzen Tag sind Bürger auf der Suche nach ihr. Die katholische Gemeinde hat auf das Fundstück eine hohe Geldbelohnung ausgesetzt. Dem Pfarrer stehen heute Morgen die Tränen in den Augen, als er es vor der Presse ein "Werk des Teufels" nennt. Na ja, sagt grinsend nur dazu der frisch eingesetzte Oberbürgermeister Scheinpflug.

Darüber kann der Pfarrer bloß lachen, als er im Anschluss an die Pressekonferenz gegenüber einem Journalisten meint, dass das "ja wieder so typisch einfältig" sei! Gerade weil es die Sieben sei, könne es nur Satans Werk sein.

Die Bürger sind natürlich in Aufruhr. Man hört auf dem Domplatz, der Teufel sei hier!

Immer schon war der Dom, erhobenen Hauptes über der Stadt, den Aufbegehrern, Reformatoren und Kritikern ein Dorn im Auge: sei es das Saufgelage der Läutemannschaft im 14. Jahrhundert, bei dem der Dachstuhl in Brand geraten war, oder der Amoklauf des Zisterziensermönches Dietrich Burghardt, der ein paar Jahrzehnte später aus Wut über die Ketzerreden der Reformatoren die ganze Stadt anzündete, oder gar die Jahrhundert um Jahrhundert beharrlichen Neugüsse der verdammten Gloriosa-Glocke, die einigen Gießermeistern die Seele raubte. Seit Anbeginn hütet diese gut gemeinte, geweihte Domarchitektur einen Höllenzorn: den der Gläubigen und der Ungläubigen gleichermaßen.

Am Tag, wenn die Sonne freimütig auf die Dommauern schaut, kann man den Groll dort schlafen sehen, in dem Rötlichen, das sich eine Spur in die braunen Gemäuer zurückgezogen hat. Vorsicht, wenn sich ein grauer Himmel herabsenkt! Dann kriecht das Rot schon tags aus den Poren; und eine Windhose umtreibt die Mauern und dringt in die geöffneten Augen der anliegenden Häuser. Erst vorgestern, am frühen Nachmittag, hat so ein Windstoß den Plastikkronleuchter der benachbarten Gärtnerklause erfasst und von der Decke gefegt, obwohl der Mann am Tresen bloß kurz durchlüften wollte. Dass es hier am Dom merkwürdig zugeht, spürt man vor allem in der Nacht. Seit Jahren beschweren sich die Bürger, die Stadtbeleuchtung am Domplatz werde unzureichend gewartet. Hier stottern die Straßenlichter wie erschrockene Kinder; sogar in der vorbeifahrenden Straßenbahn zucken die Neonröhren einige Male zusammen, vor Ehrfurcht vielleicht. Der amtliche Stromnetzwart ist ratlos, denn alle Versuche der Instandsetzung waren und sind für die Katz. Daher flackert das Straßenlicht schüchtern im Reigen um die Domanlage. Wem das zu gruselig ist, der soll den Domplatz in der Nacht lieber meiden.

Neben den Abbildungen der zerstörten Domuhr und der schweigenden Gloriosa zeigt die Zeitung das Bild eines jungen Mannes, der im Morgengrauen auf dem Bordstein zwischen den Ziffern und Zeigern an den Straßenbahngleisen gefunden wurde. Die Polizei bitte hierbei um Hinweise. Seine Identität könne nicht festgestellt werden; er erinnere sich nicht an seinen Namen. Sie hätten ihn barfuß in Hemd und Hose gefunden, ohne Papiere, mit einer falschen Brille, schreiben sie. Der Mann habe glatte, braune Haare, blaue Augen, sei eins siebzig groß, etwas untersetzt, habe am linken Fuß eine Verletzung, einen kleinen eingetretenen Nagel. Wer kenne den Mann? Ob er in Verbindung mit der Domuhrexplosion und der verschwundenen Sieben stehe, sei noch nicht geklärt.

 

 

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