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Universum jenseits
des Erwarteten

Erinnerungskultur. Mit der richtigen Mischung aus Nähe und Abstand, Schwere und Leichtigkeit gelingt der 36-jährigen Emma Braslavsky ein preiswürdiges Debüt.



Von Susanne Schulz

Neubrandenburg. Nicht viele Romandebüts erreichen eine solche Resonanz, wie sie Emma Braslavsky für ihren Roman "Aus dem Sinn" zuteil wurde. Das mag zu einem gewissen Grade in einem Sujet begründet sein, das Reizthemen bietet: das Leben von Sudetendeutschen in der DDR, ein realer Gedächtnisverlust und eine "staatlich verordnete Amnesie".

Vor allem aber wird - so auch von der Jury des Uwe-Johnson-Förderpreises - die literarische Qualität dieser Form von Erinnerungskultur hervorgehoben: Kritiker bescheinigen der 36-Jährigen, "schwerste Gewichte" zu stemmen und zugleich "federleichte, urkomische Prosa zu komponieren"; würdigen die "souveräne Leistung, all den Fettnäpfchen virtuos auszuweichen".

Der Autorin selbst fällt daran angenehm auf, wie der gesellschaftliche Diskurs sich verändert habe: So gingen nicht mehr wie im Westdeutschland der 60er-, 70er-Jahre Revisionisten und Linke aufeinander los. Nicht zuletzt durch Ausstellungen und Filme seien viele sensibilisiert, sodass ihr Buch auf "viel Offenheit" gestoßen sei.

Was die Autorin hingegen gegenüber dem Handlungsjahr 1969 kaum verändert findet, was schon gar nicht ein Merkmal der DDR gewesen sei, ist die Unfähigkeit der Gesellschaft, "Menschen aufzunehmen, die woanders herkommen". Wie es von guter Literatur erwartet werden darf, spiegelt der Mikrokosmos Familie die gesellschaftlichen Umstände - einschließlich der Möglichkeit, individuelle Identität zu entfalten.

Inmitten der Lobeshymnen auf Emma Braslavslys Debüt fallen die kritischen Stimmen erstaunlich gegensätzlich aus: Mal wird zu viel "allgemeine Heiterkeit" auf Kosten der ernsteren Episoden moniert, mal erscheint das Buch zu "betulich-versonnen", mal mit "zu viel politischer Moral" versehen.

"Furchtbar, dass man sich Politik vorwerfen lassen muss", kommentiert sie dieses Spektrum und nimmt es mit Humor. Mancher Kritiker tappe in eine Falle, wenn er seine eigene politische Haltung, seine Erwartung an eine Sudetendeutsche der dritten Generation zum Maßstab nehme.

Der Roman sei "weit weniger biografisch, als es vielleicht aussieht", und an ihrer Distanz zum Geschehen hat sie sorgsam gearbeitet: "Man muss Abstand haben, aber auch Nähe aufbauen, um so eine Geschichte nachvollziehbar schreiben zu können", lautet ihre Erfahrung. Jedenfalls wollte sie "nicht zu verkopft herangehen".

Tatsächlich war der Ausgangspunkt das Schicksal ihres Vaters, eines Mathematikers, der - wie die von Zahlen besessene Romanfigur Eduard - einen Gedächtnisverlust erlitten hatte. Was hat er da eigentlich verloren? Wie kommt es, dass wir uns Erinnerungen "bauen", die wir gar nicht haben? Was sind eigene, was sind kollektive Erinnerungen? Mit solchen Fragen kam Emma Braslavsky nicht umhin, sich auch mit der Vergangenheit ihres Vaters, mit seiner sudetendeutschen Herkunft auseinanderzusetzen.

"Vor dieser Thematik hatte ich lange Angst", bekennt die Autorin. Zwei Jahre lang hat sie Figuren und Szenen entwickelt: "Bis ich wusste, das ist mein Stoff." Auch dieser Prozess war von ständiger Selbstbefragung begleitet: Wie viel Drastik ist mir erlaubt gegenüber Leuten, die nicht meiner Generation angehören. Schwarzer Humor, so empfindet sie es heute, "ist vielleicht meine Art, das Schwere leichter erträglich zu machen".

1971 in Erfurt geboren, ist Emma Braslavsky zunächst bei der Großmutter aufgewachsen: in jenem sudetendeutschen Mikrokosmos aus Erinnerung ("Natürlich gab es nostalgische Geschichten, aber keinerlei Revisionismus"), Sprache und Religion. "Ich bestehe aus vielem", sagt die Tochter einer protestantischen Mutter und eines katholischen Vaters, die heute - verheiratet mit dem israelischen Künstler Noam Braslavsky - in Berlin lebt. Religiös sei sie nicht, wohl aber an Religionsphilosophie interessiert: "Jeder hat etwas, woraus er seine Kraft bezieht", sagt sie. Wenn allerdings jemand den anderen einen Glauben aufzwingen wolle, könnten unterschiedliche Ansichten kaum mehr in Diskurs treten.

Das Elixier der Schriftstellerin ist die Sprache. Erst recht für Emma Braslavsky, die in Berlin, Moskau, Ho-Chi-Minh-Stadt studierte: "Sprache ist Kultur, eine Art zu denken", sagt sie und verweist auf asiatische Sprachen, in denen die Tonhöhe eine wichtige Rolle spielt: "Wie sehr es darauf ankommt, den richtigen Ton zu treffen, war eine ganz große Erfahrung." In fremden Sprachen fand sie jene Psychologie, die im Deutschen vernachlässigt werde: die sorgfältige Wortwahl, die Suche nach dem treffendsten Synonym.

Als klingendes, zu komponierendes Universum erlebt Emma Braslavsky (Mitbegründerin und künstlerische Leiterin des Netzmuseums für Sprache, das unter der Internet-Adresse www.papirossa.org zu finden ist) ihr Ausdrucksmittel - und Deutsch als eine der reichsten Sprachen, die "literarisch fast alles möglich macht".

Zuvor aber ist da der Stoff, der sich über die Sprache entfalten kann: Ein formal guter Roman, der nichts zu erzählen hat, scheint ebenso wenig denkbar wie einer, der nur von der Geschichte lebt. Dem Namensgeber des Förderpreises fühlt sich Emma Braslavsky verwandt in seinem Leitsatz "Die Geschichte macht, sie sucht sich ihre Form." Besonders verehrt sie Uwe Johnson für die vielstimmig erzählten "Mutmaßungen über Jakob".

Welche Last das erfolgreiche Debüt ihr für das zweite Buch auferlegt, wird der Autorin derzeit immer mehr bewusst. Aber auch hier will sie sich nicht dem Druck ausliefern, einer Erwartung gerecht werden zu müssen: "Natürlich will ich den Anspruch halten, möglichst besser sein. Aber ich werde nicht die sudetendeutsche Geschichte fortschreiben."

Das neue Buch - für das die Robert-Bosch-Stiftung ihr ein Stipendium zuerkannte - "spreche" mit dem ersten, sei aber ein ganz eigenständiges. Wieder geht es ihr um die Menschen; wie sie sich Freiräume schaffen, welche Grenzen sie überwinden und welche nicht. Und wieder soll der Roman zum Universum werden, "in das sich der Leser hinein begibt - und fühlt."

 

 

 

Leseprobe

Die verschwundene
Sieben der Domuhr
Leseprobe aus Emma Braslavskys Roman "Aus dem Sinn", erschienen im Claassen Verlag, Hildesheim 2007, 368 Seiten,
19,95 Euro, ISBN 3-546-00419-1

"Ende der Fahnenstange?", heißt es in der Stadtzeitung, auf Seite zwei unten, weil die vierhundertzweiundsiebzig Jahre alte Domglocke wieder aus heiterem Himmel zum Stillstand gekommen ist und seit Monaten nicht mehr läutet, weil die amtlich gewartete, schon siebenhundertneun-
undneunzig Jahre alte Domuhr seit gestern zerstört, da explodiert ist, und die ebenso alten, echt römischen hauchdünnen Goldziffern verbogen und angesengt auf dem Bordstein liegen. Dass die Sieben nicht auffindbar ist, wird nur erwähnt und im Weiteren offengelassen. Schon den ganzen Tag sind Bürger auf der Suche nach ihr. Die katholische Gemeinde hat auf das Fundstück eine hohe Geldbelohnung ausgesetzt. Dem Pfarrer stehen heute Morgen die Tränen in den Augen, als er es vor der Presse ein "Werk des Teufels" nennt. Na ja, sagt grinsend nur dazu der frisch eingesetzte Oberbürgermeister Scheinpflug.

Darüber kann der Pfarrer bloß lachen, als er im Anschluss an die Pressekonferenz gegenüber einem Journalisten meint, dass das "ja wieder so typisch einfältig" sei! Gerade weil es die Sieben sei, könne es nur Satans Werk sein.

Die Bürger sind natürlich in Aufruhr. Man hört auf dem Domplatz, der Teufel sei hier!

Immer schon war der Dom, erhobenen Hauptes über der Stadt, den Aufbegehrern, Reformatoren und Kritikern ein Dorn im Auge: sei es das Saufgelage der Läutemannschaft im 14. Jahrhundert, bei dem der Dachstuhl in Brand geraten war, oder der Amoklauf des Zisterziensermönches Dietrich Burghardt, der ein paar Jahrzehnte später aus Wut über die Ketzerreden der Reformatoren die ganze Stadt anzündete, oder gar die Jahrhundert um Jahrhundert beharrlichen Neugüsse der verdammten Gloriosa-Glocke, die einigen Gießermeistern die Seele raubte. Seit Anbeginn hütet diese gut gemeinte, geweihte Domarchitektur einen Höllenzorn: den der Gläubigen und der Ungläubigen gleichermaßen.

Am Tag, wenn die Sonne freimütig auf die Dommauern schaut, kann man den Groll dort schlafen sehen, in dem Rötlichen, das sich eine Spur in die braunen Gemäuer zurückgezogen hat. Vorsicht, wenn sich ein grauer Himmel herabsenkt! Dann kriecht das Rot schon tags aus den Poren; und eine Windhose umtreibt die Mauern und dringt in die geöffneten Augen der anliegenden Häuser. Erst vorgestern, am frühen Nachmittag, hat so ein Windstoß den Plastikkronleuchter der benachbarten Gärtnerklause erfasst und von der Decke gefegt, obwohl der Mann am Tresen bloß kurz durchlüften wollte. Dass es hier am Dom merkwürdig zugeht, spürt man vor allem in der Nacht. Seit Jahren beschweren sich die Bürger, die Stadtbeleuchtung am Domplatz werde unzureichend gewartet. Hier stottern die Straßenlichter wie erschrockene Kinder; sogar in der vorbeifahrenden Straßenbahn zucken die Neonröhren einige Male zusammen, vor Ehrfurcht vielleicht. Der amtliche Stromnetzwart ist ratlos, denn alle Versuche der Instandsetzung waren und sind für die Katz. Daher flackert das Straßenlicht schüchtern im Reigen um die Domanlage. Wem das zu gruselig ist, der soll den Domplatz in der Nacht lieber meiden.

Neben den Abbildungen der zerstörten Domuhr und der schweigenden Gloriosa zeigt die Zeitung das Bild eines jungen Mannes, der im Morgengrauen auf dem Bordstein zwischen den Ziffern und Zeigern an den Straßenbahngleisen gefunden wurde. Die Polizei bitte hierbei um Hinweise. Seine Identität könne nicht festgestellt werden; er erinnere sich nicht an seinen Namen. Sie hätten ihn barfuß in Hemd und Hose gefunden, ohne Papiere, mit einer falschen Brille, schreiben sie. Der Mann habe glatte, braune Haare, blaue Augen, sei eins siebzig groß, etwas untersetzt, habe am linken Fuß eine Verletzung, einen kleinen eingetretenen Nagel. Wer kenne den Mann? Ob er in Verbindung mit der Domuhrexplosion und der verschwundenen Sieben stehe, sei noch nicht geklärt.

 

 

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