Zum Autor
Damit der Text
eigenen Regeln folgt

Von Susanne Schulz

Neubrandenburg/Berlin. Daniel Mandelkern wurde als Nebenfigur geboren. Einer musste ja als Außenstehender das autobiografische Manuskript "Astroland" finden, aus dem der Leser von der Dreiecksbeziehung zwischen dem scheuen Schriftsteller Dirk Svensson, der schönen Finnin Tuuli und dem inzwischen toten Freund Felix erfährt. Mandelkern aber, als für ein Svensson-Porträt recherchierender Journalist zwischen diese Geschichte und den Leser platziert, entwickelte ein Eigenleben und war plötzlich die Hauptfigur des Romans "Bestattung eines Hundes", für den Thomas Pletzinger nun von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet wird.

Die Erzählebenen fließen ineinander und ziehen den Leser mit in ihren Sog: "Manchmal komme ich mir wie Svensson vor, ich habe unsere Geschichten verrührt", schreibt Daniel Mandelkern an seine Frau und Chefin Elisabeth. Nicht nur für seine journalistische Aufgabe gilt es Antworten zu finden, Klarheiten zu gewinnen, sondern auch für ihn selbst. "Mandelkern steht mir nahe", bekennt unterdessen auch der 34-jährige Autor, "weil er sich mit Dingen auseinandersetzt, die mich auch beschäftigen."

Die Figur werde ihn "sicher noch weiter verfolgen", ebenso wie die Ärztin Tuuli in Pletzingers nächstem Roman erneut eine Rolle spielen wird: "Solche Figuren sind nicht mit einem Buch erledigt." Sehr offenkundig scheint da die Verbindung zu Uwe Johnson, der sich als "Genosse Schriftsteller" von seiner Heldin Gesine Cresspahl zum Erzählen beauftragt sah.

Nun gehört Pletzinger einer Leser-Generation an, die gemeinhin nicht als besonders vertraut mit der Johnsonschen Autoren-Generation gilt. "In meiner literarischen Früherziehung spielte Johnson tatsächlich keine Rolle", bestätigt er. "Es sind auch nicht gerade Texte, die man als Jugendlicher so liest." Doch während des Germanistikstudiums sah er sich gepackt von diesem Lese-Erlebnis, beschäftigte sich mit den "Mutmassungen über Jakob", fand indes die vier Bände "Jahrestage" immer noch zu dick - und beschloss dann, sie als Gegenstand seiner Abschlussprüfung vorzuschlagen. "Einen Monat lang habe ich mich dann konsequent in der Bibliothek eingeschlossen und sie fast auswendig gelernt", berichtet er.

Montagetechniken und das Einfließen von Alltäglichkeiten zählt Pletzinger zu jenen von Johnson kultivierten Elementen, die auch ihn selbst als Autor prägten. Hinzu kommt eine ebenso originäre Sprachbehandlung und Figurenperspektive: scheinbar distanziert beobachtend, doch zugleich sensibel mitten im Geschehen.

Ein wichtiger Faktor in beiden Biografien ist zudem New York, wo Johnson 1966/67 lebte und das ein zentraler Bezugspunkt seiner "Jahrestage" wurde, wo auch 30 Jahre später Pletzinger lebte und arbeitete. Nicht nur ist dies seine "Lieblingsstadt außerhalb Deutschlands", vor allem betrachtet er die amerikanische Literatur als seinen "Hallraum" und arbeitet gerade an seiner Promotion über amerikanische Lyrik.

Sein Romandebüt, zudem Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, hat nicht nur in der Figurenentwicklung eine lange Vorgeschichte: Fast sieben Jahre habe er "daran herumgedacht", sagt der Autor. Schon vorher nach einem Studium der Amerikanistik durch Jobs für Buchverlage und Agenturen im Literaturbetrieb zu Hause, habe er in jenen Leipziger Jahren "eine gewisse Ernsthaftigkeit gegenüber dem Schreiben" entwickelt. Erstmals ließ sich dort mit anderen Schreibenden über Literatur diskutieren, begegnete er Kommilitonen wie Saša Stanišic und Benjamin Lauterbach, mit denen er sich "künstlerisch auf einer Wellenlänge" fühlte.

Gemeinsam mit Übersetzern und Lektoren gründeten sie in Berlin die Autorengemeinschaft Adler & Söhne, eine "Mischung aus Großraumbüro und Atelier". Thomas Pletzinger schätzt es, zur Arbeit die eigene Wohnung zu verlassen und "nach dem täglichen Schreibpensum eine Art Feierabend" machen zu können. Erste Rohversionen seiner Texte entstehen frühmorgens zu Hause, für alle weiteren Arbeitsschritte sei das Büro ideal.

Übrigens auch, um mal jemand anderen auf Entstehendes schauen zu lassen. Ob der Ton stimmt, ob der Text "seinen eigenen Regeln folgt", ist Pletzingers Kriterium bei der permanenten Selbstüberprüfung. Als Absage an die popliterarische Prägung seiner Generation sieht er sein Schaffen nicht: "Es geht darum, eine eigene Schreibweise zu finden; nicht darum, nicht so zu schreiben wie andere."

Einen gewachsenen Erfolgsdruck für das zweite Buch, dessen Idee ihn auch schon seit einigen Jahren begleitet, verspürt er ebenfalls nicht. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, der sich aufgrund der ersten 100 Seiten für "Bestattung eines Hundes" entschieden hatte, wird auch den nächsten Roman veröffentlichen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Druck größer sein kann als beim ersten", wiegelt er ab - denn jenen Druck hatte er sich vor allem selbst bereitet.

Mit dem Debüt habe er sich beweisen wollen, "dass ich ein gutes Buch schreiben und Schriftsteller sein kann". Und sich darüber klar werden, ob damit die Laufbahn eines Schriftstellers beginne oder er sich für einen anderen Weg zu entscheiden habe. "Die Entscheidung fürs Leben muss ich nun nicht mehr treffen."

Thomas Pletzinger: Bestattung eines Hundes.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 352 Seiten, 19,95 Euro.
ISBN 978-3-462-03968-9

 

 

 

Leseprobe

Die verschwundene
Sieben der Domuhr
Leseprobe aus Emma Braslavskys Roman "Aus dem Sinn", erschienen im Claassen Verlag, Hildesheim 2007, 368 Seiten,
19,95 Euro, ISBN 3-546-00419-1

"Ende der Fahnenstange?", heißt es in der Stadtzeitung, auf Seite zwei unten, weil die vierhundertzweiundsiebzig Jahre alte Domglocke wieder aus heiterem Himmel zum Stillstand gekommen ist und seit Monaten nicht mehr läutet, weil die amtlich gewartete, schon siebenhundertneun-
undneunzig Jahre alte Domuhr seit gestern zerstört, da explodiert ist, und die ebenso alten, echt römischen hauchdünnen Goldziffern verbogen und angesengt auf dem Bordstein liegen. Dass die Sieben nicht auffindbar ist, wird nur erwähnt und im Weiteren offengelassen. Schon den ganzen Tag sind Bürger auf der Suche nach ihr. Die katholische Gemeinde hat auf das Fundstück eine hohe Geldbelohnung ausgesetzt. Dem Pfarrer stehen heute Morgen die Tränen in den Augen, als er es vor der Presse ein "Werk des Teufels" nennt. Na ja, sagt grinsend nur dazu der frisch eingesetzte Oberbürgermeister Scheinpflug.

Darüber kann der Pfarrer bloß lachen, als er im Anschluss an die Pressekonferenz gegenüber einem Journalisten meint, dass das "ja wieder so typisch einfältig" sei! Gerade weil es die Sieben sei, könne es nur Satans Werk sein.

Die Bürger sind natürlich in Aufruhr. Man hört auf dem Domplatz, der Teufel sei hier!

Immer schon war der Dom, erhobenen Hauptes über der Stadt, den Aufbegehrern, Reformatoren und Kritikern ein Dorn im Auge: sei es das Saufgelage der Läutemannschaft im 14. Jahrhundert, bei dem der Dachstuhl in Brand geraten war, oder der Amoklauf des Zisterziensermönches Dietrich Burghardt, der ein paar Jahrzehnte später aus Wut über die Ketzerreden der Reformatoren die ganze Stadt anzündete, oder gar die Jahrhundert um Jahrhundert beharrlichen Neugüsse der verdammten Gloriosa-Glocke, die einigen Gießermeistern die Seele raubte. Seit Anbeginn hütet diese gut gemeinte, geweihte Domarchitektur einen Höllenzorn: den der Gläubigen und der Ungläubigen gleichermaßen.

Am Tag, wenn die Sonne freimütig auf die Dommauern schaut, kann man den Groll dort schlafen sehen, in dem Rötlichen, das sich eine Spur in die braunen Gemäuer zurückgezogen hat. Vorsicht, wenn sich ein grauer Himmel herabsenkt! Dann kriecht das Rot schon tags aus den Poren; und eine Windhose umtreibt die Mauern und dringt in die geöffneten Augen der anliegenden Häuser. Erst vorgestern, am frühen Nachmittag, hat so ein Windstoß den Plastikkronleuchter der benachbarten Gärtnerklause erfasst und von der Decke gefegt, obwohl der Mann am Tresen bloß kurz durchlüften wollte. Dass es hier am Dom merkwürdig zugeht, spürt man vor allem in der Nacht. Seit Jahren beschweren sich die Bürger, die Stadtbeleuchtung am Domplatz werde unzureichend gewartet. Hier stottern die Straßenlichter wie erschrockene Kinder; sogar in der vorbeifahrenden Straßenbahn zucken die Neonröhren einige Male zusammen, vor Ehrfurcht vielleicht. Der amtliche Stromnetzwart ist ratlos, denn alle Versuche der Instandsetzung waren und sind für die Katz. Daher flackert das Straßenlicht schüchtern im Reigen um die Domanlage. Wem das zu gruselig ist, der soll den Domplatz in der Nacht lieber meiden.

Neben den Abbildungen der zerstörten Domuhr und der schweigenden Gloriosa zeigt die Zeitung das Bild eines jungen Mannes, der im Morgengrauen auf dem Bordstein zwischen den Ziffern und Zeigern an den Straßenbahngleisen gefunden wurde. Die Polizei bitte hierbei um Hinweise. Seine Identität könne nicht festgestellt werden; er erinnere sich nicht an seinen Namen. Sie hätten ihn barfuß in Hemd und Hose gefunden, ohne Papiere, mit einer falschen Brille, schreiben sie. Der Mann habe glatte, braune Haare, blaue Augen, sei eins siebzig groß, etwas untersetzt, habe am linken Fuß eine Verletzung, einen kleinen eingetretenen Nagel. Wer kenne den Mann? Ob er in Verbindung mit der Domuhrexplosion und der verschwundenen Sieben stehe, sei noch nicht geklärt.

 

 

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