Zum Autor
Kurt Drawert wurde 1956 in Hennigsdorf geboren. Seine Kindheit verlebte er in Borgsdorf und Hohen-Neuendorf. Die Familie siedelte 1967 nach Dresden über. Berufsausbildung zum Facharbeiter für Elektronik. Das Abitur erwarb er später an der Abendschule. Dann folgten mehrere Anstellungen als Hilfsarbeiter. In diese Zeit fielen erste Schreibversuche. Von 1982 bis 1985 studierte Drawert am Literaturinstitut in Leipzig und nahm dort seinen Wohnsitz. Er veröffentlichte erste Texte in Anthologien. Kurt Drawert ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er lebt mit seiner Familie seit 1993 in Osterholz-Scharmbeck (Niedersachsen).
Erschienen sind von ihm u. a.: "Zweite Inventur" (Gedichte, 1987), "Die Wärme die Kälte des Körpers des Andern" (Liebes-
gedichte junger Autoren, 1988), "Privateigentum" (Gedichte, 1989), "Spiegelland. Ein deutscher Monolog" (1992), "Fraktur" (Lyrik, Prosa, Essays, 1994). Mehrere Stipendien und Preise, darunter Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt (1993). Er ist Mitglied des P.E.N.-Zentrum Deutschland (West).

 

 

Begründung der Jury
Der Uwe-Johnson-Preis 1994 wird an den Autor Kurt Drawert für seinen Roman "Spiegelland. Ein deutscher Monolog" vergeben. In seinem ersten Prosawerk erkundet der Autor durch eine kunstvolle Mischung von Erzählung und Reflexion seine eigene Geschichte und die der untergegangenen DDR. Dadurch verhilft sein Monolog dem Vergangenen zur Gegenwärtigkeit vor allem in seiner Auseinandersetzung mit der Biographien bestimmenden deformierten Sprache.
Auf diese Weise eignet Kurt Drawerts "Spiegelland", indem es von einer vergangenen, aber noch längst nicht überwundenen Zeit erzählt, eine der für Uwe Johnson wichtigsten Dimensionen des Erzählens die des Erinnerns.

 

 

Leseprobe

Gewiß hätten wir auf die Frage, woher wir denn kämen, kurz und verbindlich antworten können, aber es muß in uns beiden in demselben Augenblick das Gefühl geherrscht haben, heimatlos zu sein, so daß sie "aus Sonnenstadt" antwortete und ich "aus Utopia".Wir lachten, während der Mann etwas verwirrt war und sein freundliches Interesse an uns lächerlich gemacht sah, ohne indes verstehen zu können, daß wir nicht seine Frage, sondern die Antwort ins Lächerliche brachten, denn wir müssen sehr genau empfunden haben, daß die Stadt unserer Herkunft nicht die Stadt unserer Heimat entsprechen und mit ihr nichts zu tun haben wollen und nach ihr nicht gefragt werden und gleich gar nicht mir ihr in einem Zusammenhang erscheinen wollen, der nur ein Äußerer Zusammenhang sein kann. Und wie es weder eine Sonnenstadt gibt noch ein Utopia, so gibt es keine Heimat, sondern immer nur Herkunft, am ehesten noch, dachten wir, als wir vor einiger Zeit in einem polnischen Krankenhaus lagen, verleiht die gemeinsame Sprache dem Wort Heimat eine Bedeutung, aber die gemeinsame Sprache ist auch nur Äußerlich eine gemeinsame Sprache und kann im tieferen Sinn einer Verständigung eine ganz und gar unverständliche Sprache sein, denn es gibt keine Heimat, wenn es sie in einem selbst nicht gibt, und ich kann jede Stadt und jede Landschaft und jede Herkunft entschieden verlassen, denn ich verlasse immer eine Fremde und tausche sie aus gegen eine andere, unbekanntere Fremde, ich verlasse eine Stadt oder eine Landschaft oder eine Herkunft in dem Gefühl, einen Zusammenhang mir ihr leugnen zu müssen und nach ihr gefragt zu werden als lästig zu empfinden.Man müßte, denke ich, in geregelten Abständen eine Stadt und eine Landschaft und eine Herkunft verlassen. Man müßte immer wieder die Dinge verlassen, die man um sich aufgebaut hat.Man müßte das Bild verlassen, das sich die anderen von einem machen und dem man aus Gewohnheit entspricht. Seinen Namen und seine Worte müßte man entschieden verlassen von Zeit zu Zeit.Die Romane im Kopf müßte man verlassen und die Geschichte des Körpers. Die Semantik der Sprache müßte man verlassen, vergessen und verlassen. Mutter hockte nieder vor mir und lehrte mich "Arbeiter- und Bauernstaat" schreiben, ihre von der Kochwäsche aufgewallten Haare fielen verzottelt ins Gesicht, ich war aber auch ein zu blödes Kind, das komplizierte Wort "Revolution", danach die Fahrt mit dem Fahrrad bis nach Hennigsdorf durch den Wald. Ich saß auf dem Gepäckträger und träumte, als wir im Sand steckenblieben und stürzten, all diese Stürze, die ich erlebte und sah, neben uns im Gebüsch hockten friedliche Russen, Mutter war voller Angst und schwitzte, der Korb mit frischen Pilzen rutschte vom Lenkrad, kippte um und verschüttete den Inhalt, den sie nicht auflesen wollte in ihrer Eile und Furcht, sie wollte nur diese einst so vertraute und plötzlich gefährliche Stelle verlassen so schnell es ging, der Sandweg war aufgerissen von Panzerfahrzeugen, die mit Strauchwerk getarnt zwischen Bäumen standen, am Abend kam Vater nicht nach Hause, was geschehen war, hieß Grenze. Diese Schwierigkeit mit den Worten. Ich war aber auch ein zu blödes Kind.Der Nachbar schloß seinen Geräteschuppen ab, drehte sich zur am Gartenzaun jätenden Mutter, neigte sich ihr etwas entgegen und sagte, ist es denn mit dem Lesen und Schreiben schon etwas besser geworden? Anja, stöhnte sie, wir üben gerade hundertmal "Arbeiter- und Bauernstaat" und "Revolution".Ich stand in der Brombeerenhecke und dachte an Bärbel, die ihr Alter schon gründlich verließ, wie es hieß überall in der Siedlung. Ich stellte sie mir nackt in den grasbewachsenen Bombenlöchern der weiten Heide hinter dem Haus vor, wie sie mir zuruft, zeig doch den Pimmel, na los, zeig doch, und ich war, während mir bei den Worten Gebüsch, Busch, Heide, Gras, Wiese, Farn oder Bombenloch, grasbewachsenen Bombenloch, im Farn liegendes Bombenloch, grasbewachsenes, im Farn liegendes Bombenloch zum Verstecken, zum Verstecken mit Bärbel, ganz heiß wurde in der Brust, so schlecht in Grammatik, malte die Rehe immer noch grün, Mutter übte bis weit in den Abend hinein mit mir die Wirklichkeit sehen, bis mein Rücken sich krümmte.Die Schultern sackten nach vorn, da mußte etwas getan werden, ein wirkliches blödes Kind, das nun auch noch einen Buckel bekommt, ich hing, das dachte Vater sich aus, an der Teppichstange, solange die Arme mich hielten, ein Zustand, in dem ich gerade war, wie alle es liebten, zeig doch deinen Pimmel, ich stellte sie mir nackt, nackt in den grasbewachsenen Bombenlöchern der weiten Heide hinter dem Haus vor, ich stand in der Brombeerenhecke, während er fragte, ist es denn mit dem Lesen und Schreiben schon besser geworden?

 

 

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