Zum Autor
Marcel Beyer wurde am 23. No-
vember 1965 in Tailfingen/ Würt-
temberg geboren. Wohnte in Kiel, Neuss und Köln. Nach dem Abitur zwanzig Monate Zivildienst in einem heilpädagogischen Kindergarten. Studium der Germanistik und Anglistik in Siegen. Bevor er 1996 nach Dresden zog, lebte er als Herausgeber ("Vergessene Autoren der Moderne"), Übersetzer und Essayist in Köln. 1988-1991 Ver-
öffentlichung von Literaturkritiken. Schreibt seit 1991 Musikkritiken für das Magazin SPEX. Außer dem Roman "Flughunde" (1995) sind erschienen: "Obsession. Prosa" (Bonn, 1987), "Walkmännin. Gedichte 1988-1989" (Frankfurt/Main, 1991), "Das Menschenfleisch. Roman" (Suhrkamp, Frankfurt/Main, "Braunwolke. Gedichte" (Berlin, 1994), "Falsches Futter. Gedichte" (Frankfurt/Main 1997), "Spione" (Köln, 2000).
Weitere literarische Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften wie "Schreibheft", "Entweder/Oder", "Akzente" und "miniature obscure". Beyer erhielt bisher das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln (1991), den Klagenfurter Ernst-Willner-Preis (1991), Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin, Autorenförderung für die "Arbeit am zweiten Buch" der Stiftung Niedersachsen (1993), Stipendium für Schloß Wiepersdorf (1995), Johannes-Bobrowski-Medaille (1996).

 

 

Begründung der Jury
Mit "Flughunde" wird ein Roman ausgezeichnet, der unbestechlich wie überzeugend-neuartig von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus erzählt. Vor allem konfrontiert das 1995 erschienene Buch mit der Frage, was warum damals möglich war und was heute möglich wäre. "Flughunde" legt jenen Mechanismus offen, der zu Versagen und Schuld einer ganzen Generation geführt hat. Eindrucksvoll schildert der Autor, wie persönliche Leidenschaften durch eine Gesellschaft unabhängig von den jeweiligen ideologischen Denkmustern instrumentalisiert werden können.
Beyers Schreiben zielt wie das von Uwe Johnson auf Wahrheitsfindung und bedarf des Lesers in seiner wertenden Kompetenz. Die Jury ehrt eine literarische Leistung, die Maßstäbe für den Umgang mit Gedächtnis und Geschichte durch die jüngere Generation deutscher Autoren setzt.

 

 

Leseprobe

Das Stadion erbebt. Mein Leib zieht sich zusammen. Oder zieht er sich nicht, sondern wird er zu einem starren Block gepreßt unter dem Druck? Es ist verboten, die Ohren mit den Händen zu bedecken. Das würde aber ohnehin nichts nützen: Es dröhnt so laut, es könnte einem das Mark aus den Knochen treiben. Mit ungeahnter Wucht werden hier Luftmassen umgewälzt. Und auf dem Sportfeld steht der kleine Haufen Statisten wie gebannt.
Sobald der Schalldruck endet, heben die Taubstummen den rechten Arm und öffnen ihren Mund, genau wie alle anderen auch. So wird ein harmonisches Gesamtbild erreicht. Doch während aus den vorderen Reihen ein lautes Sieg Heil erschallt, ist hinten kaum ein angestrengtes Krächzen zu hören. Dann schreitet ein SS-Mann an des Redners statt die erste Reihe ab. Die Arme und die toten Blicke ins Nichts gerichtet: Knapp an demjenigen vorbei, der nun eine erhobene Hand herunterzieht und anerkennend drückt. In diesem Moment setzt eine Kapelle mit Marschmusik ein.
Mein Auftrag ist damit erledigt. Auf dem Weg zum Ausgang lungert eine Schar Taubstummer abseits der Aufstellung. Müde treten die Männer von einem Fuß auf den anderen, rauchen und unterhalten sich im heraufziehenden Morgen in ihrer Zeichensprache. Wie Flughunde flattern die Arme lautlos zwischen Tag und Nacht.
Wir alle tragen Narben auf den Stimmbändern. Sie bilden sich im Laufe eines Lebens, und jede Äußerung hinterläßt ihre Spur, vom ersten Schrei des Säuglings angefangen. Und jedes Husten, jedes Kreischen und heiseres Sprechen verunzieren die Stimmbänder ein weiteres Mal mit einem Einschnitt, einem Höcker oder einer Naht. Wir nehmen das nur darum nicht zur Kenntnis, weil wir die Narben niemals sehen können. Anders, als wenn wir Furchen auf der Zunge bemerken oder tief in den Rachen schauen und eine gefährliche Rötung wahrnehmen. Und doch kennt jeder Zeichen der übermäßigen Beanspruchung zumindest vom Hörensagen: die sogenannten Sängerknötchen, die Polypen, die Fistel, Stimme. Wie achtsam man eigentlich mit den eigenen Stimmbändern umgehen müßte. Man dürfte wohl kaum sprechen.
Nur wenige Stimmen in dieser Welt sind narbenlos, oder sagen wir: von einer zarten, weichen Äderung überzogen. Kein Wunder, daß man jenes ungreifbare Etwas, das Seele genannt wird, in der menschlichen Stimme zu orten meint. Geformter Atem, Hauch: Das, was den Menschen ausmacht. So bilden die Narben auf den Stimmbändern ein Verzeichnis einschneidender Erlebnisse, akustischer Ausbrüche, aber auch des Schweigens. Wenn man sie nur mit dem Finger abtasten könnte, mit ihren Fährten, Haltepunkten und Verzweigungen. Dort, in der Dunkelheit des Kehlkopfs: Das ist deine eigene Geschichte, die du nicht entziffern kannst.
Du spürst, ohne die Ursache zu kennen, lediglich, wie sie sich bemerkbar macht: Wenn von einen auf den anderen Moment unvermittelt der Mund austrocknet, wenn sich der Hals zuschnürt, wenn dich scheinbar grundlos, Atemnot befällt und aus den Lungen nur das eine dringt: nichts. Als ich anstehe, um das Ersatzteil für den Plattenspieler zu besorgen: Warum jagen mir Schauer über den Rücken, da plötzlich eine junge Frau ins Elektrogeschäft stürmt, deren lautes Selbstgespräch schon durch die Tür zu hören war? Der wirre Monolog schlägt um, die Frau beginnt, mit kehliger Stimme auf die verstummten Kunden einzureden, schaut einem nach dem andern in die Augen und beschwert sich, drei lange Wochen auf die Reparatur ihres Radios gewartet zu haben. Was höre ich in dieser Stimme, das mich zurückschrecken läßt, warum erscheint wir auch meine eigene Stimme abstoßend, ja vor allem sie? Ich weiß es nicht. Fassungslos starre ich diese Verrückte an, die, weil niemand auf sie reagiert, noch lauter redet: Will endlich wieder meinen Heinz Rühmann hören. Den ganzen Tag lang sollten sie seine Lieder bringen, nicht Siegesfeiern und den ganzen Quatsch.
Solange kaum jemand zu sehen war dort auf der Straße, jeden Morgen dieselben vermummten Gestalten, die ich nur als müde Schemen kannte, und nicht als wache, laute Menschen, die sie zu einer späteren Tageszeit zweifellos gewesen sein müssen. Und es stand nicht in meiner Macht, das Dunkel länger walten, die fremden Stimmen schlafen zu lassen, während die Elternhand mich weiter zog, durch die nun bald gefährliche Restnacht, die unweigerlich umschlagen mußte in die Welt der Herrenstimmen, des Kreischens und des Lärmens, entschlossen von der großen Hand gezogen, daß ich fast laufen mußte, um Schritt zu halten mit dem Erwachsenengang, als gelte es, diesen Bereich so schnell wie möglich zu durchqueren, als könnte man nichts anderes tun, als sich dem Licht und den Geräuschen tatenlos zu ergeben, dem Wandel aller Morgenschemen zu Stimmenschemen über Tag. Und nur die Flughunde in meinem Album waren davon ausgeschlossen. Niemals flogen sie bei Sonnenlicht, nur in der Dunkelheit, die ihre schwarzen Körper noch verstärkten, als schluckten diese Flügel noch das letzte Licht. Sie allein hätten mich vor dem Tag bewahren können, eingehüllt von diesen weichen Flügeln, versunken in der Lichtlosigkeit. Das war die Morgenwelt, und die war abgetrennt von jener Welt bei Tageslicht. So daß der angebissene Kuchen auch niemals untertags hätte aufgegessen werden können. Das ging erst abends, als es längst schon wieder dunkel war.

 

 

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