Zum Autor
Norbert Gstrein wurde am 3. Juni 1961 in Mils (Tirol) geboren und lebt zurzeit in London und Hamburg. Er studierte Mathematik in Innsbruck, Stanford sowie Erlangen und arbeitete an einer sprachphilosophischen Dissertation zur "Logik des Fragens". Lebensstationen waren unter anderem Wien und Zürich.
Zu seinem beachtlichem erzählerischen Werk gehören: die Romane "Das Register" (1992) und "Die englischen Jahre" (1999), die Novellen "O2" (1993) und "Der Kommerzialrat" (1995) sowie die Erzählungen "Einer" (1988), "Anderntags" (1989) und "Selbstportrait mit einer Toten" (2000). Gstreins neuer Roman "Das Handwerk des Tötens" erscheint in der kommenden Woche im Suhrkamp Verlag.
Der Autor wurde vielfach geehrt, erhielt unter anderem den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (1989), den Berliner Literaturpreis (1994), den Alfred-Döblin-Preis (1999) und den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2001).

 

 

Begründung der Jury
Norbert Gstrein erkundet in "Das Handwerk des Tötens" auf radikale Weise die Fähigkeit des Romans, Einsichten in die gravierendste Bedrohung von Menschen - den Krieg - zu vermitteln. Durch seine literarische Gestaltung legt er die Realitäten der jüngsten Balkankriege jenseits aller journalistischen Berichterstattung offen - Realitäten, die sich jeder unilinearen Beschreibung verweigern.
"Das Handwerk des Tötens" macht deutlich, dass allein durch die distanzierende Fiktion Uwe Johnsons Vorsatz, "daß die Toten wenigstens ein Recht haben auf die Wahrheit ihres Todes", einzulösen ist. Und dass das Handwerk des Schreibens in der Lage ist, die Toten zu vergegenwärtigen.

 

 

Leseprobe

Es waren nicht die offensichtlichen Grausamkeiten, die mich beim Lesen am meisten verwirrten, nicht die Greuel, deren zeuge Allmayer in all den Jahren geworden war oder von denen er gehört hatte, nicht die Bilder von menschenleeren bosnischen Dörfern, in denen streunende Hunde die zwischen den zerschossenen Gebäuden herumliegenden Leichen zerrissen. Die Beispiele, die er aufzählte, waren so zahlreich, daß ich mich über nichts gewundert hätte, anscheinend gab es keine Grenzen dafür, was man mit dem menschlichen Körper alles anrichten konnte, und ich staunte nur, welche Phantasien bis dahin mehr oder weniger unbescholtene Leute, wie man wohl sagen mußte, entwickelt haben sollen, was für ein Vergnügen, einen Gefangenen zu zwingen, einem anderen die Hoden abzubeißen und sie vor ihm zu essen, einer Schwangeren den Bauch aufzuschlitzen, einem Kind am Arm seiner Mutter die Kehle durchzuschneiden und ihr das Gesicht in den hervorspritzenden Blutstrahl zu drücken oder eine Frau unter den Augen ihres sterbenden Vaters zu vergewaltigen. Zu jedem so bekannt gewordenen Ort erwähnte er ein halbes Dutzend andere, von denen ich nicht einmal die Namen kannte, geschweige daß ich sie buchstabieren könnte, oder auch nur auseinanderhalten, wer dort wen umgebracht hatte, und obwohl kein Zweifel bestand, daß die Genossen aus Knin, aus Banja Luka und Pale den anderen immer um ein paar Köpfe voraus waren, die Vertreter der Belgrader Klientel ihren Gegenspielern aus Zagreb und Mostar, um von denen in Sarajevo nicht zu reden, versuchte ich erst gar nicht, mich in dem Durcheinander zurechtzufinden.
Kein Fluß, in dem nicht Tote getrieben wären, kein Platz, so schien es mir, an dem man sich in Zukunft nicht fragte, was sich darunter verbarg, aber das war es nicht, was mir von seinen Reportagen am genauesten in Erinnerung blieb, im Gegenteil, je mehr Details er ausbreitete, um so mehr schienen sich gegenseitig auszulöschen, schienen noch die größten Abscheulichkeiten im einmal vorgegebenen Rahmen am Ende normal zu sein.
Vielleicht klingt es zynisch, aber für mich war der Schrecken eher konkret, wenn er von den warmlaufenden Panzermotoren in den Armeekasernen schrieb, ganz am Anfang der Auseinandersetzungen, ihrem unheilverkündenden Lärm, der über die Mauern drang, von den Patrouillebooten, die an der serbisch-kroatischen Grenze auf der Donau hin- und herkreuzten, oder von den Schiffen in der Bucht vor Sibenik, ihrem langsamen Auftauchen aus dem Dunst im ersten Morgenlicht und ihrer volkommenen Lautlosigkeit, ehe sie mit dem Beschuß der Stadt begannen. Es ist seine Beschreibung einer Stelle, an der ein Jahr, bevor er dorthin kam, ein Massaker stattgefunden hatte, die Schilderung einer regelrechten Idylle, wären nicht die Patronenhülsen gewesen.

 

 

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