Joochen Laabs

Zum Autor
Joochen Laabs wurde am 3. Juli 1937 in Dresden geboren. Noch vor der Bombardierung wurde er 1944 zu den Großeltern in die Niederlausitz "verschickt", verbrachte dort seine Kindheit und machte in Cottbus das Abitur. Nach einer Zeit als Straßenbahnfahrer studierte er von 1956 bis 1961 an der Dresdner Verkehrshochschule und arbeitete bis 1975 als Diplomingenieur an einem verkehrstechnischen Institut. Seine Existenz als freier Autor begann 1976; bis 1978 war er Redakteur der Literaturzeit-
schrift "Temperamente". Gastdozenturen führten ihn 1986, 1991 und 1997 in die USA. Als Mitglied des Deutschen P.E.N.- Zentrums war Laabs 1993 bis 1998 Generalsekretär (Ost) und 1997 bis 2000 Vizepräsident der Schriftstellervereinigung. Neben den Romanen "Das Grashaus oder Die Aufteilung von 35 000 Frauen auf zwei Mann", "Der Ausbruch, Roman einer Verführung" sowie "Der Schattenfänger. Roman eines Irrtums" nehmen Erzählungen in seinem Werk breiten Raum ein. Das Rundfunkfeature "Winnetous Enkel" oder der Essay "Verpfuschte Ankunft" blieben eher Abstecher in andere Gattungen.

 

 

Begründung der Jury
Der in Berlin und Mecklenburg lebende Autor setzt in seinem Roman ostdeutsche Erinnerung von der Zerstörung Dresdens über die 50er Jahre bis zum Ende der DDR einer schonungslosen Befragung durch eine amerikanische "Wirklichkeit" der 1990er Jahre aus. Durch den Wechsel von Vergangenheits- und Gegenwartsebene wie durch den spielerischen Umgang mit den Erfahrungen seiner Protagonisten bietet er einen neuen Zugang zu medial abgenutzten oder überzeichneten Bildern von DDR-Geschichte.
Wie schon Uwe Johnsons "Jahrestage" zeigt er, auf welche Weise es Literatur gelingen kann, über unterschiedliche Gesellschaften hinweg der eigenen Identität auf die Spur zu kommen. Damit bezeugt Laabs eindrücklich, "dass Literatur als 'Gedächtnis' funktioniert und die Chance hat, gebrochene Biografien mit den Mitteln des Erzählens entdeckend wieder entstehen" zu lassen.

 

 

Leseprobe

Hinter der offenen Doppeltür zeigte sich überraschende Weiträumigkeit mit einer langen Sitzungstafel. Die auf mich gerichteten Gesichter nickten mir zu wie einem guten Bekannten, und so wie ich der Doppelreihung personifizierter Freundlichkeit in Polohemden und T-Shirts ansichtig wurde, war ich geneigt, sie für eine Zusammenkunft mittlerer Postangestellter zu halten ... Gastgeberin Jenny ... korrigierte meine soziologische Fehldiagnose, indem sie jedem reihum einschüchternde Amts- und Professionsbezeichnungen zuwies: Historiker, Komparatist, ein für Urban Planning and Design Zuständiger, ein Mediziner, ein Head, ein Dean (vielleicht waren Head und Dean auch ein und derselbe), ein Politologe; zwei Frauen (Soziologin und Kommunikationswissen-
schaftlerin) unterbrachen die männliche Doppelreihe; dann noch einmal zwei Germanisten, die ich am meisten fürchtete, wenn ich von deutschen Schriftstellern absehe ... Während ich das Thunfischsandwich, das mir gereicht worden war, in mich hineinkaute, nahm mein Thema (The Unavoidable Disaster of Real Socialism) auf meiner geistigen Bühne wieder Platz. Die freundliche Erwartung auf den Gesichtern ging bei meinen ersten Worten in den Ausdruck anteilnehmender Ernsthaftigkeit über ... Aber mein Zutrauen zum Wert dessen, was mitzuteilen ich mich anschickte, wollte sich wieder einmal nicht einstellen. Das störende Gefühl, das, was ich von mir gab, habe hier herzlich wenig zu suchen, tuckerte wieder in mir...
Aber als wollten die Zuhörer meine Skrupel Lügen strafen, gaben sie mit Vehemenz ihrer Hochachtung Ausdruck, die sie dem deutschen Schicksal zollten, als beschäftige sie nichts anderes. Nachdem ich mich aus der Beschämung wieder gelöst hatte, zeigte sich allerdings, daß meine Worte unerwartete Deutungen hervorgerufen hatten. Für einen jüngeren Philosophen ... stellte sich der Zusammenbruch des Sozialismus als die Bestätigung der Chaostheorie dar, der Unkalkulierbarkeit historischer Vorgänge ... Für einen graugelockten Historiker ... war der Zusammenbruch des Kommunismus dagegen nichts als die Folge einer sprachlichen Fehlleistung eines einzigen Mannes ...
Ich spürte nicht nur, wie weit Schabowski und die Vorgänge zu Hause sich mittlerweile auch mir entzogen hatten, ich fragte mich, ob und wieweit es überhaupt möglich ist, sich anderen mitzuteilen ..., als ein mattblonder Mittdreißiger, der mir bis dahin in seiner blassen Ausdruckslosigkeit nahezu entgangen war, sagte, ihn würde es nicht wundern, wenn den Ostdeutschen ein Schicksal ähnlich dem der Indianer beschieden wäre.
Schlagartig kann Leben in die Runde, heftiger Widerspruch. Das Ausmaß der kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen Indianern und Weißen sei nicht im mindesten dem zwischen Ost- und Westdeutschen gleichzusetzen. In Amerika seien zwei völlig unabhängig voneinander verlaufene ethnische Entwicklungen aufeinandergestoßen, während die Ost- und Westdeutschen vom gleichen Boden jahrhundertelanger Zivilisationsgeschichte getragen worden seien und lediglich durch eine kurze und der einen Seite aufgezwungene Fremdsozialisation getrennt waren. Der Schmächtige wuchs förmlich über sich hinaus: Er habe nicht von Gleichsetzung gesprochen, sondern von Ähnlichkeiten ... Wenn sich soziale Prägungen so leicht ablegen ließen, dann müsse man fragen, warum es den heutigen Indianern ... immer noch so schwerfalle, sich von ihrer ursprünglichen Lebensweise zu lösen, obwohl sie ... seit zweihundert Jahren massiv der Lebensweise der Weißen ausgesetzt seien. Die Universitäten seien das beste Beispiel für die komplizierte Integration. Wie viele indianische Professoren gebe es hier, trotz Quotierung ...? Einen, zwei ...?

 

 

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