Zum Autor
Uwe Tellkamp wurde 1968 in Dresden geboren. In Leipzig, New York und Dresden hat er Medizin studiert, dann an einer unfallchirurgischen Klinik in München gearbeitet. Sein erster Roman "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" (2000) blieb wenig beachtet, die Veröffentlichung des zweiten, "Der Eisvogel" (2005), erlebte der Autor dann schon als Ingeborg-Bachmann-Preisträger: Mit einem Auszug aus seinem noch nicht vollendeten Romanprojekt "Der Schlaf in den Uhren" hatte Uwe Tellkamp im Jahr zuvor den renommierten Klagenfurter Wettbewerb gewonnen.

 

 

Verlust einer Utopie als Erzählmuster
In dem Alter, in dem Uwe Tellkamp seinen ersten großen Roman vorlegt, konnte Uwe Johnson (1934-1984) bereits auf ein gewichtiges Werk verweisen. Tellkamp hat Lebenserfahrung verschiedener Art und gab den Mediziner-Beruf auf, um Schriftsteller zu werden. Heute werden diese Umwege zur Literatur für die Autoren immer wichtiger. Denn das weitgehende Fehlen existenziellen Konflikterlebens der geistigen Eliten in Deutschland scheint die größte Gefährdung der epischen Gattungen der Gegenwartsliteratur zu sein. Als 1959 "Mutmassungen über Jakob" erschien, betrieb der Germanist Johnson noch weitgehend unerledigte Wirklichkeitstransformation in Literatur. So unterschiedlich die Biografien, so ähnlich bekommen beide Autoren ihr geteiltes Deutschland in den Blick. Das erzählerische Terrain reicht von der konfliktreichen Erfahrung in der DDR hinüber zur Freiheit des Westens, jeden erzählerischen Entwurf öffentlich denken zu können.
Johnson hat diesen Bogen des fiktionalen Erlebens im posthum erschienenen Roman "Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953" in eine Erzählzeit gespannt, da die deutsche Einheit noch eine politische Option darstellte und stärker mitschwang als in den folgenden 60er- und 70er-Jahren. Beschrieben wird die Geschichte einer Abiturklasse in einer fiktiven mecklenburgischen Kleinstadt. Die Schülerin Ingrid gerät in unauflösbaren Widerspruch zum Sozialismusverständnis der SED. Mit ihrem Freund flüchtet sie in den Westen, in eine Lebensweise, "die beide eigentlich als die falsche erachten".
25 Jahre später verläuft in Tellkamps Roman "Der Turm" die Konfliktlage auf vergleichbaren Bahnen. Nur dass die Geschichte dem Autor die finale Entscheidung seiner Figuren abnimmt. Im Unterschied zu Johnson wird ihm als Erzähler die Möglichkeit verwehrt, gegen die realen Verhältnisse anschreiben zu können. Das ist Dilemma und Herausforderung zugleich. Die Handelnden am Ende der DDR stehen im Spannungsfeld zwischen zu bewahrender Individualität und der Ohnmacht, im "Mahlstrom der Revolution von 1989" abzutreiben. Gleichwohl erinnert Tellkamps monumentales Panorama in Vielschichtigkeit, assoziativem Reichtum und Ironie an Johnsons Hauptwerk "Jahrestage". Hier wie da geht mit dem Geschehen ein Utopieverlust der Hauptfiguren einher. Als gebe die politische Sozialisation den Autoren ein Grundmuster des Erzählens vor. dst

 

 

 

Leseprobe

Am 3. Oktober drängte sich eine Menschenmenge vor dem Hauptbahnhof, vor der Kasko-Reklame und dem stet leuchtenden Schriftzug "Radeberger", mehrere hundert Männer (die Frauen hinter ihnen, vorsichtiger, abwartend) im trübkalten Abend, der zu einer neuen Zählung gehörte seit dem Verbot des Neuen Forums, seit den Ereignissen auf dem Prager Burgberg, etwas war geschehen, mit den herkömmlichen Einfriedungen nicht mehr zu bestimmen, etwas geschah irgendwo in der Dunkelheit, die durchstanzt war von den rechteckigen Gelbs der Hochhausfenster an der Leningrader Straße, den einander tunnelnden Scheinwerfern der Straßenbahnen und Überlandbusse. Die Männer waren jung, fast alle um die Zwanzig, Dreißig, ihre Körper steckten in den schiefen Jacken, Militärkutten mit gefärbtem Kunstpelz, den ausgeleierten Jeans und karierten Baumwollhemden der hiesigen Bekleidungsindustrie; einige ältere Männer waren, unsinnigerweise, fand Meno, sonntäglich gekleidet, als ginge es zu einem Ausflug mit Einkehr. Auf den Gesichtern lag der abwehrende und erschrockene Ausdruck, den Gerettete, die sich auf einem vorläufig sicheren Platz versammeln, im Anblick einer Naturkatastrophe haben. Je größer die wartende Menschenmenge wurde, desto mehr Polizisten stellten sich ihr gegenüber auf, versperrten die Eingänge. Sie schienen aus dem ganzen Land zu kommen, Meno sah Rostocker und Schweriner Kennzeichen an den Einsatzfahrzeugen.
"Wir haben doch Fahrscheine, wir können ordnungsgemäß durchgehen", meinte Josef Redlich. Er wurde angehalten, ein Polizist befahl ihm barsch, sich auszuweisen und sein Gepäck zu öffnen. Verwirrt hob er das Köfferchen mit den Unterlagen für die Herbstsitzungen im Hermes-Verlag, eine rasche, bestürzte Geste, der Polizist sprang zurück und schwang einen Schlagstock. Meno und Madame Eglantine, die an einer Bockwurst kaute, gingen dazwischen, wurden von mehreren Uniformierten gepackt und ins Innere des Bahnhofs geschoben, wo es ihnen gelang, sich auszuweisen. Hier warteten noch mehr Menschen. Die meisten, erfuhr Meno, waren aus Bad Schandau gekommen, wo sie einen der Ausreisezüge zu erreichen oder nach Prag zu gelangen gehofft hatten, aber von Polizei und Blousonträgern zurück getrieben worden waren. Seit Mittag war der paß- und visafreie Verkehr zur CSSR ausgesetzt. Nach Polen war er noch nicht wieder eingeführt worden; nun, hatte es mit bitterem Witz in der Stadt geheißen, könne man nur noch mit den Füßen voran verreisen.

 

 

<< zur Übersicht