2010

Zur Autorin
Christa Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe als Christa Ihlenfeld geboren. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen und studierte von 1949 bis 1953 Germanistik in Jena und Leipzig. 1961 debütierte Wolf mit ihrer Moskauer Novelle über die Liebesbeziehung einer Ostberliner Ärztin zu einem russischen Dolmetscher. Seit 1962 ist Christa Wolf freie Schriftstellerin. Sie lebte von 1962 bis 1976 in Kleinmachnow bei Berlin, seit 1976 ist ihr Wohnort Berlin. Bei der Großdemonstration gegen die Politik der DDR am 4. November 1989 hielt Christa Wolf auf dem Alexanderplatz die Rede "Sprache der Wende".

 

 

Dialog mit dem einstigen Selbst

Schon das Genre mag irritieren. Ein Roman, bei so offenkundiger Nähe zur Biografie der Autorin? Das Wörtchen habe der Verlag auf den Umschlag "geschmuggelt", verrät Christa Wolf, die das aber doch legitim findet, so stark seien Vorgänge und Figuren verändert, erst recht erfunden in ihrem neuen Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Gelten könnte es aber auch als Roman-Essay über das Erinnern.

Wie die Schriftstellerin selbst verbringt die Erzählerin 1992/93 einige Monate auf Einladung des Getty Centers in Kalifornien, wo sie über die Briefe einer jüdischen Emigrantin forscht, die Gegensätze des US-Alltags erlebt, den Golfkrieg reflektiert und - eingeholt von den Nachrichten aus der Heimat - sich mit verdrängten Seiten ihrer Biografie auseinandersetzt. "Wie oft im Leben wird man ein anderer?" fragt sich die Ich-Erzählerin, die ihr früheres Selbst mit "du" anspricht.

Die öffentlichen Debatten, die das Bekanntwerden ihrer drei Jahrzehnte zurück liegenden Stasi-Kontakte auslöst, schüren ihr eigenes Entsetzen über die Entdeckung jenes Vorgangs, den eine Behörden- Sachwalterin ihr nach Durchsicht der 42-bändigen "Opferakte", auf Rücksicht bedacht, unterschob. Vielfach attackiert, vielfach in Schutz genommen wurde Christa Wolf, wird auch ihre Figur - die mit sich selbst umso strenger ins Gericht geht. "Das ist mein Prinzip", bestätigt die Autorin; nur das gebe ihr das Recht, in der literarischen Handlung reale, wenn auch veränderte Personen in ihre Schwierigkeiten "hineinzuziehen".

Einer Generation angehörig, die in der DDR geneigt gewesen sei, "allem zuzustimmen" - schon aus der Überzeugung, nur so die Nazi-Zeit überwinden - sieht sich die Autorin längst in der Pflicht, sich aus dieser Neigung zu lösen. "Aufgabe unserer Generation ist es, bewusst zu machen, was mit Gewalt verdrängt wurde", sagt sie heute. "Drei Gesellschaftsordnungen erlebt zu haben, muss sich ja irgendwie auswirken."

Die Nachwende-Schmähungen als "Staatsdichterin" konnten keineswegs vergessen machen, dass Christa Wolfs Rang als bedeutendste deutsche Gegenwartsautorin eben durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Umständen bedingt war. "Ich lebte von Konflikt zu Konflikt", beschreibt sie einen Grund, zu bleiben: "Im Westen hätte ich 'Kassandra' so nicht geschrieben. Die Konflikte sind der Grund und Boden, aus dem ich schreiben musste."

Und als Gesellschaft war "der Westen" keine Alternative, ist es bis heute nicht. Immerhin zeige sich mittlerweile, dass es nicht genüge, ganz auf die Gegenwart bezogen zu sein und in die Zukunft nur pragmatisch zu denken. "Ich hoffe doch, dass das Sehnen nach einer gerechteren Welt nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist - ob man das nun Utopie nennt oder nicht."

Was so ins Mark geht, aus räumlicher Entfernung zu betrachten, mag ebenso zur literarischen Distanz verhelfen wie der zeitliche Abstand. Wenn schon nicht befreiende, so doch besänftigende Wirkung spürt Christa Wolf, nachdem sie in "Stadt der Engel" das bohrende Thema "abgearbeitet" hat. "Literatur kann die Vergangenheit nicht verändern", weiß sie, "aber sie kann Erinnertes einerseits befestigen, andererseits attackieren." Schreiben bedeute, "dass ich ich selbst besser kennen lernen will".

Wenn ihr Buch auf die autobiografischen Bezüge, aufs Äußere reduziert wird, mag sie nicht von Verärgerung sprechen, weil sie sich daran habe gewöhnen müssen - aber von Enttäuschung schon. Ist doch "Stadt der Engel" mehr als eine Selbstauskunft. Die Fäden des erzählerischen Geflechts streifen die Perspektive deutscher Emigranten, die Kalifornien zum "New Weimar unter Palmen" machten; reichen ins Mythische, wenn die dunkelhäutige Putzfrau aus dem Center zum Schwarzen Engel Angelina wird; führen ins Indianerland, wo ein Begleiter feststellt, man rieche den Untergang. "Habe ich den Untergang meines Landes 'gerochen'?", fragt sich da die Erzählerin.

Nicht zu vergessen das Motiv des Freud'schen Mantels: Der könne "auch dazu missbraucht werden, verwundbare Stellen zu bedecken", notiert Christa Wolf und vermutet "die fremde Sprache als Schutzschild, auch als Versteck". Ein Ort zum Leben ist Los Angeles für sie nicht geworden. Das bleibt Berlin - nirgends anders möchte sie leben, außer im Sommer im mecklenburgischen Woserin, seit über 25 Jahren. Nicht weit ist es nach Güstrow, wo sie auch die Einweihung von Wieland Försters Uwe-Johnson-Stele erlebte. "Wir standen hinter dem Denkmal - das hat mir größte Ähnlichkeit suggeriert, viel mehr als die Vorderansicht", erinnert sie sich.

Dass Christa Wolf und Uwe Johnson einst im selben Leipziger Hörsaal Vorlesungen von Hans Mayer hörten, stimmt - allerdings nicht zur selben Zeit, war Johnson doch einige Jahre jünger. Natürlich habe sie seine Bücher später gelesen, "allerdings nicht so früh, wie man mir unterstellt": Keineswegs habe sie die "Mutmassungen über Jakob" gekannt, bevor sie "Der geteilte Himmel" schrieb. Geschätzt habe sie seine Literatur von Anfang an, sei voller Bewunderung für die "Jahrestage". Und von interessanten Begegnungen weiß sie auch zu erzählen - aber das will sie sich aufheben für die Preisverleihung im September in Neubrandenburg.

 

 

Leseprobe

Ohne es geplant zu haben, ohne es auch nur vorauszusehen, fragte ich plötzlich, was "Akten" auf Englisch hieß. Warum willst du das wissen? fragte Sally. Ich ignorierte die Frage und versuchte, sie durch Umschreibungen auf das richtige Wort zu bringen. "Files", sagte sie schließlich. Aber wozu brauchst du das Wort? - Später, sagte ich. Vielleicht später mal.

Zur Sicherheit sah ich im Langenscheidt nach. Ich konnte nicht glauben, daß dieses kurze helle ?file? dasselbe bedeuten sollte wie das dunkel-drohende deutsche "Akten". "To keep a file on someone" hieß also "über jemanden eine Akte führen", "to file away" hieß "etwas ablegen" - Briefe, Berichte, Abhörprotokolle, Verpflichtungserklärungen, was auch immer. Aber alle diese Wörter waren ja vorerst neutral, eine "file number" konnte ja etwas Harmloses sein, redete ich mir zu, kein Grund, feuchte Hände zu kriegen.

Die Schonzeit ging vorbei, die Zeit, die ich mir selber genommen hatte. Ich wußte ja meine Aktennummer nicht auswendig, unter der bei jener Behörde mein Aktenbestand registriert war. Wo - wie im Märchen von dem Griesbrei, der unaufhaltsam aus dem Zaubertöpfchen quillt, bis er die ganze Stadt bedeckt und erstickt hat -, wo also Papier über Papier aus einer dunklen Quelle hervorbricht und sorgfältig archiviert wird, bis es viele Zimmer, ein ganzes Haus, immer neue Räume in Beschlag nimmt, von wo aus es seine unheilvolle Wirkung entfaltet.

Kopien der "guten", die man pervers erweise "Opferakten" nannte, lagen zu Hause in einem Koffer, und da liegen sie heute noch, und ich mußte an eine Reihe von Behältnissen denken, die vor diesem Koffer jahrelang in einem Kasten versteckt waren: Verschnürte, kreuz und quer verklebte Kartons, Kassetten, Reisetaschen mit Materialien, Manuskripten, Tagebüchern, die "sie" nicht finden sollten, und wenn diese Behältnisse da gemütlich in ihrem oberflächlichen Versteck lagen, war das ein Zeichen dafür, daß du sie nicht für gefährdet hieltest. Diese Hoffnung war immer gebrechlich und bestand, wie du in einer anderen Schicht deines Bewußtseins wohl wußtest, zu einem guten Teil aus Selbsttäuschung, und wenn die zusammenbrach, mußte sofort gehandelt werden. Die schützenswerten Materialien mußten ausgelagert werden: Freunde mußten bereit sein, sie bei sich aufzunehmen, ohne nach ihrem Inhalt zu fragen, Vereinbarungen mußten getroffen werden, wohin diese Behälter zu bringen seien, wenn sie auch bei diesen Freunden nicht mehr sicher wären, peinlicherweise und unter verlegenem Gelächter mußten Codewörter ausgemacht werden, die im Ernstfall übers Telefon durchgegeben werden und konträre Handlungen auslösen sollten. Und immer deine Sorge, du würdest die Codes verwechseln, die du dir ja, das war fest ausgemacht, unter keinem noch so harmlosen Stichwort notieren durftest. Was alles nicht in den Akten steht, dachte ich, die die Behörde zutage fördert. Und was ich nur wenigen Menschen erzählt habe. Der Koffer ist nicht leicht. Jahrelang habe ich ihn nicht geöffnet. Ich setzte mich an mein Maschinchen. Ich schrieb:

NOCH EINMAL DAS UNTERSTE NACH OBEN KEHREN ICH WEISS JA, WAS ICH VON MEINEM GEDÄCHTNIS ZU HALTEN HABE, UND ICH KANN NUR HOFFEN, DASS ICH NICHT IN DIE LAGE KOMME, ALL DIESEN UNSCHULDIGEN MENSCHEN MIT IHREN LÜCKENLOSEN REINEN GEDÄCHTNISSEN ETWAS ÜBER ERINNERN UND VERGESSEN ERZÄHLEN ZU MÜSSEN.